„Auf einmal ist da nur noch ein Gedanke, der alle anderen bedeutungslos erscheinen lässt: Jesus soll nicht umsonst gestorben sein. Es ist der Moment, in dem ich mich umdrehe und die Tür zur Kirche aufstoße. Die Abendsonne bricht durch die Fenster, tausend Strahlen tauchen den Altarraum in gleißendes Licht, die Gemeinde blättert im Gotteslob, die Orgel ertönt – die Messe beginnt.“
So lauten die Schlusssätze des Buchs „Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe“, das Tobias Haberl, Redakteur beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, 2024 veröffentlicht hat. Die Schlussszene ist, dass er am Eingang zur Kirche, zur Theatinerkirche in München, steht und Unlust empfindet, die Messe mitzufeiern. Er dreht sich auf der Schwelle um und schaut auf den Odeonsplatz. „Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, sie sausen zu lassen. Ich könnte im Englischen Garten spazieren gehen und meine Füße in den Eisbach strecken. Ich könnte mich mit einem Glas Riesling vor die Pfälzer Weinstube setzen …“ Für mich, der ich als Student in München gelebt habe, sind diese Genußoptionen nur allzu nachvollziehbar. Überhaupt ist das ganze Buch für mich sehr nahe, weil es in unserer Gegend spielt, zwischen dem Bayerischen Wald und München. Ich hatte lange Skepsis, ob ich das Buch lesen sollte. Bei seinem Erscheinen wurde es doch in katholischen Kreisen viel besprochen. Nachdem ich es geschenkt bekommen habe, habe ich es nun doch gelesen, bin begeistert und empfehle es gern weiter. Und zum Fronleichnamstag passt die Schlussszene, der gute Grund, die Eucharistie zu feiern. Wenn er die Messe sausen ließe, so geht dem Autor weiter durch den Kopf: „Wer weiß, viellleicht hätte der liebe Gott nicht mal was dagegen, immerhin ist ihm ein prächtiger Sommerabend gelungen. Und wenn doch: Was soll passieren? Würde es jemandem auffallen? Wäre danach irgendetwas anders? Ist es nicht vollkommen gleichgültig, ob ich diese Mese besuche oder nicht? Kurz denke ich darüber nach, dann muss ich mir eingestehen, dass es weder für mich noch für irgendjemanden irgendwelche Konsequenzen hätte.“ Tatsächlich, so ist es. Aber es läuft darauf hinaus – jenseits aller krampfhaften Bemühungen, es den Leuten mit der Messe angenehm von der Uhrzeit, attraktiv von der Gestaltung, lohnend wegen irgendwelcher Aktionen zu machen – dass er allein aus dem Grund sich doch wieder umdreht und in die Kirche hineingeht, damit Jesus nicht umsonst gestorben ist. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.