Segel des Glaubens setzen, damit Gott es füllt mit Hl. Geist

Der Hl. Hilarius von Poitiers (in Frankreich) war Bischof und Schriftsteller im 4. Jahrhundert. Er hat eine große Abhandlung über die Dreifaltigkeit Gottes geschrieben. In der Einleitung darin kommt er auf ein schönes Bildwort, das mich sehr angesprochen hat. Ich will es jetzt, in den Tagen vor dem Pfingstfest, weitergeben. Im Stil der Anrede an Gott, also im Stil des Gebets, schreibt er:

„Ich bekenne nur mein Wollen. Im übrigen muss ich beten um die Gabe deiner Hilfe und deines Erbarmens, dass du die ausgespannten Segel meines Glaubens und meines Bekennens füllst und uns auf dem Kurs des Begonnenen vorantreibst.“

Ja, wir müssen nicht erst den Glauben verstehen, um uns dann für ihn zu entscheiden, gar in dem Maß, als wir ihn verstanden haben und aus eigener Einsicht verantworten können. Wir dürfen umgekehrt den Glauben, ja sogar das schlichte Bekenntnis, wie wir es von klein auf übernommen haben, aufspannen wie ein Segel … und während ich mir das bildhaft vorstelle, wird meine Seele schon weit, frei und hochgespannt … und dann erhoffen, erbitten und erwarten, dass Gott dieses Segel füllt mit dem Wind des Hl. Geistes. Dann kommen wir in Fahrt, dann kommen wir voran. So kann es Pfingsten werden, wenn wir nicht misstrauisch, gar missmutig oder verzagt abwarten, ob etwas geschieht in der Kirche. Sondern wenn wir schon voraus hochherzig die Segel des Glaubens und des Bekennens hissen.

Auf und hinaus ins Leben!

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick …“

Wer kennt nicht den berühmten Beginn des Osterspaziergangs in Goethes Faust? Natürlich ist es damals wie heute der Frühling und der arbeitsfreie Feiertag, der die Leute hinaus treibt ins Grüne. Nach Monaten des Lockdowns treibt uns in diesem Jahr auch der Überdruss hinaus ins Freie. An den schönen Tagen, die schon waren, konnte man das erleben. Vieles darf mit spielen und mit herein spielen, um den Osterglauben an die Auferstehung Christi mit Erfahrung zu unterfüttern. Als Gruß zu Ostern hier ein Text der reformierten feministischen Theologin (sie lebt und lehrt im schweizerischen Basel) Luzia Sutter Rehmann:

Mich dem Leben in die Arme werfen

Wir sind auf der Suche
nach einer Kraft,
die uns aus den Häusern,
aus den zu engen Schuhen
und aus den Gräbern treibt.

Aufstehen und
mich dem Leben in die Arme werfen – 
nicht erst am Jüngsten Tag,
nicht erst, wenn es nichts mehr kostet
und niemandem mehr weh tut.
Sich ausstrecken nach allem,
was noch aussteht,
und nicht nur nach dem Zugebilligten.
Uns erwartet das Leben.
Wann, wenn nicht jetzt?

Halleluja verabschieden

Das gegenwärtige Verbot des Gemeindegesangs im Gottesdienst ist hart. Es drückt spürbar auf die Atmosphäre. Besonders vermisse ich das Mitsingen des Halleluja. Nicht nur ich muss mir fast auf die Zunge beißen, um nicht spontan auf den Ruf des Kantors oder der Kantorin zu antworten.
Der Verzicht auf das Halleluja drückt dem Gottesdienst einen fastenzeitlichen Charakter auf. Dazu bin ich einen schönen Vorschlag von Iris Maria Blecker-Gluczki (Deutsches Liturgisches Institut, Trier) gestoßen. Sie hat eine kleine Liturgie entwickelt, wie man sich am letzten Sonntag vor dem Aschermittwoch vom Halleluja bewusst verabschieden kann. Darin ist ein alter Text aus dem 8./9. Jahrhundert verarbeitet worden. Er passt auch in diese Zeit, wo zwar das Halleluja im Gottesdienst vorkommt, wir es aber nicht mitsingen dürfen.

„Halleluja. Halleluja“ (am besten besonders innig und kräftig gesungen)

(Zwischen den folgenden Strophen lässt sich schön jeweils eine Strophe des Liedes „Singet Lob unserm Gott“ – GL 781 – einbauen.)

Halleluja – Lied der Freude, Jubelruf der Seligkeit
Halleluja jauchzen Chöre in des Himmels Herrlichkeit.
Die im Hause Gottes wohnen, jubilieren allezeit.

Halleluja ruft voll Freude unsere Mutter, Gottes Stadt.
Halleluja singt begeistert, wer dort seine Heimat hat.
Uns – nach Babylon Verbannte – macht das Brot der Tränen satt.

Halleluja stets zu singen, ist uns hier noch nicht gewährt.
Halleluja kann nicht singen, wen noch Sündenschuld beschwert.
Uns geziemt die Zeit der Buße, die das Herz zu Gott bekehrt.

Preisend deine Macht und Güte flehen wir, Dreifaltigkeit:
Für des Himmels Osterfreude mache unser Herz bereit,
wo wir Halleluja singen dir zum Ruhm in Ewigkeit.

„Halleluja. Halleluja“

Sternsinger-Lied

Drei Könige wandern aus Morgenland
ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand,
in Juda fragen und forschen die drei,
wo der neugeborne König sei.
Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold
zum Opfer weihen dem Kindlein hold.

Und hell erglänzet des Sternes Schein,
zum Stalle gehen die Könige ein.
Das Knäblein schauen sie wonniglich,
anbetend neigen die Könige sich.
Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold
zum Opfer dar dem Kindlein hold.

O Menschenkind, halte treulich Schritt;
die Könige wandern, o wandre mit!
Der Stern des Friedens, der Gnade Stern
erhelle dein Ziel, wenn du suchest den Herrn!
Und fehlen dir Weihrauch, Myrrhen und Gold,
schenke dein Herz dem Kindlein hold!

Text: Peter Cornelius
Quelle: www.katholisch.de

Hirtenbrief zum Advent

Unser Erzbischof Reinhard Kardinal Marx richtet in dieser besonderen Corona-Zeit das Wort an die Gläubigen im Erzbistum. Er hat zusätzlich zum jährlichen Hirtenbrief am Beginn der Fastenzeit diesmal auch zu Beginn des Advents einen Hirtenbrief. Der Titel, dem Evangelium des 1. Adventsonntags entnommen, lautet: „Seid also wachsam!“

Diesen Ruf Jesu deutet er mehrfach. Zunächst lenkt er unseren wachsamen Blick auf die besonderen Umstände der Corona-Zeit. Gerade unter den Sorgen und Nöten und Einschränkungen und Bedrückungen der momentanen Umstände lässt sich die „starke Botschaft von Weihnachten“ bekräftigen und bestätigen. Gott ist Mensch geworden, und so gilt gerade auch jetzt: „Himmel und Erde sind endgültig verbunden. … Das ist gerade keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern Jesus zeigt, dass das Reich Gottes da ist, dass der Himmel die Erde berührt.“ Die zweite Richtung der Wachsamkeit führt zur wachsenden „Aufmerksamkeit füreinander“, und zwar gerade für „all die Menschen, die an Leib und Seele durch das Virus gefährdet sind: Wir schauen auf die alten Menschen und auf alle, die allein leben. Wir sehen, wie viele Menschen sich um ihre Zukunft sorgen. Wir erkennen, wie wir selbst und andere an Leib und Seele verletzt werden können durch Krankheit, durch Isolation, durch fehlende Kontakte, durch erhöhten Stress in Familie, Schule, Kindergarten und am Arbeitsplatz, durch Angst und Unsicherheit.“ Der Erzbischof lädt ein, Zeichen des Miteinanders zu geben – durch einen Brief, eine Mail, ein Telefonat, über die sozialen Medien …

Der Hirtenbrief hängt in den Schaukästen der Pfarrkirchen aus. Wer ihn ganz lesen will, findet ihn auch leicht in den elektronischen Medien.

Selig, die …

Zu Allerheiligen ist das Evangelium der berühmte Beginn der Bergpredigt, die acht Seligpreisungen. Aus Afrika stammt eine Umformulierung, die uns die Situation von alten Menschen näher bringt:

Selig, die Verständnis zeigen für meinen stolpernden Fuß und meine lahmende Hand.

Selig, die begreifen, dass mein Ohr sich anstrengen muss, um alles aufzunehmen, was man zu mir spricht.

Selig, die zu wissen scheinen, dass meine Augen trüb und meine Gedanken träge geworden sind.

Selig, die mit freundlichem Lachen verweilen, um ein wenig mit mir zu plaudern.

Selig, die niemals sagen: „Diese Geschichte haben Sie mir heute schon zweimal erzählt.“

Selig, die es verstehen, Erinnerungen an frühere Zeiten in mir wachzurufen.

Selig, die mich erfahren lassen, dass ich geliebt, geachtet und nicht allein gelassen bin.

Selig, die in ihrer Güte die Tage erleichtern, die mir noch bleiben auf dem Weg in die ewige Heimat.

Gebet aus der Sufi-Tradition

Als Beitrag zu den 33. Interkulturellen Wochen, die in Landshut von 19. September bis 11. Oktober 2020 stattfinden, will ich hier ein Gebet der muslimischen Mystikerin Rabia von Basra weiter geben. Sie lebte im 8. Jahrhundert; die Bruchstücke, die zu ihrem Leben erzählt werden, sind weitgehend legendarisch. Jedenfalls gehört sie zur sufistischen Tradition im Islam, die dem Glauben und der Gottesbeziehung ein persönliches Erleben und Erfahren abzugewinnen suchte. Und sicher ist es bemerkenswert, dass in diesem Traditionsstrang des Islam auch die Gedanken und Gebete einer Frau anerkannt und überliefert worden sind.

O mein Herr,
wenn ich Dich anbete
aus Furcht vor der Hölle,
verbrenne mich in der Hölle.

Und wenn ich dich anbete
aus Hoffnung auf das Paradies,
schließe mich davon aus.

Aber wenn ich Dich anbete
um Deiner selbst willen,
dann versage mir nicht
Deine ewige Schönheit.

 

Mariä Himmelfahrt

Unbefleckte Jungfrau! Muttergottes und Mutter der Menschen!
Wir bekennen mit der ganzen Glut unseres Glaubens, dass du mit Seele und Leib glorreich in den Himmel aufgenommen worden bist; dort haben dich die Chöre der Engel und die Heerscharen der Heiligen als ihre Königin begrüßt. Mit ihnen vereint, loben und preisen wir den Herrn, der dich also erhoben hat über jegliche Kreatur, und bringen dir unsere Verehrung und Liebe dar.
Wir wissen, dass dein Auge, das auf Erden mit mütterlicher Zärtlichkeit die erniedrigte und leidende Menschheit Jesu umfasste, sich im Himmel sättigt am Anblick der verherrlichteen Menschheit, der unerschaffenen Weisheit, und dass die Freude deiner Seele von Angesicht zu Angesicht mit der heiligen Dreifaltigkeit dein Herz im seligen Entzücken aufjubeln lässt. Und wir armen Sünder, deren Leibesschwere den Flug der Seele hemmt, flehen zu dir: Läutere unsere Sinne, damit wir schon hier auf Erden Gott allein verkosten lernen inmitten der Lockung der Geschöpfe.
Wir vertrauen darauf, dass du voll Erbarmen auf unsere Nöte und Ängste, auf unsere Kämpfe und Schwächen herniederschaust, dass du dich mit uns freust an unseren Freuden und unseren Siegen und dass du Jesus über jeden von uns wie ehedem über seinen Lieblingsjünger sagen hörst: Sie, dein Sohn. Wir die wir dich als Mutter anrufen, erwählen, wie einst Johannes, dich zum Leitstern, zur Stärke und zum Trost unseres sterblichen Lebens.
Wir hegen die beglückende Gewissheit, dass deine Augen, welche über die von Christi Blut getränkte Erde geweint haben, sich wieder dieser Welt zuwenden, die von Kriegen, Verfolgungen und Unterdrückungen der Gerechten und Schwachen heimgesucht ist. Inmitten der Finsternis dieses Tränentals erhoffen wir von deinem himmlischen Licht und deinem milden Erbarmen Linderung in den Nöten unserer Herzen, in den Prüfungen der Kirche und unseres Vaterlands.
Wir glauben endlich, dass du in der himmlischen Glorie, wo du mit der Sonne angetan und von den Sternen gekrönt herrschest, nach Jesus die Freude und Wonne aller Engel und Heiligen bist.
Gestärkt im Glauben an unsere künftige Auferstehung, wenden wir Pilger dieser Erde unseren Blick zu dir, unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung. Mit dem milden Klang deiner Stimme ziehe uns an dich, und nach diesem Elend zeig uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes, o gütig, o milde, o süße Jungfrau Maria.

Es geht nicht ganz ohne Gott

Die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche Deutschlands haben wieder gemeinsam die Austrittszahlen veröffentlicht: neuer Rekord, und beide Konfessionen gleichermaßen betroffen. Viele sind offenbar der Meinung, es gehe auch ohne Kirche. Zur Deutung dieser Situation will ich ein Gedicht aufgreifen, in dem mich besonders die Zeile anspricht: „… wenn er – Gott – sich nie wieder zeigt“. Ja, das ist die Situation. Die Kirche war halt der Raum, in dem Gott vorkam in unserer Gesellschaft, in unserer Kultur, wo er sich gezeigt hat. In dem Maß, als die Kirche bedeutungslos wird, verblasst Gott. Er zeigt sich nicht mehr.

Wir haben ein paar Jahrzehnte Zeit,
um den Glanz der Dinge zu sehen,
und manche von uns haben den Ehrgeiz,
ihn noch zu vermehren: für sie
ist der Kiesel mehr als ein Stein
im Munde der Philosophen,
und der Nebel, der den Paß verstopft
zwischen Süden und Norden, mehr
als das graue Echo einer langen Nacht.
Es geht nicht ganz ohne Gott,
auch wenn er sich nie wieder zeigt,
um für den Glanz auf den Dingen
Erbarmen zu fordern wie für Kinder.

(Michael Krüger, „Für Claudio Magris“, in: Communio 49 (2020), 347)

„Was fehlt, wenn Gott fehlt?“, ist eine bekannte Frage. Das Gedicht weiß eine Antwort. Es fehlt der, der Erbarmen fordert für den Glanz auf den Dingen, also Achtsamkeit auf gewisse tiefere Bedeutungen und auf Sinnbestimmungen der Dinge. Wie Kinder einen Schutzraum brauchen, um aufzuwachsen – und Kinder sind ja die Zukunft einer Gesellschaft, so brauchen die Dinge einen Schutzraum, um nicht total vereinnahmt zu werden von der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Rationalität, die sie unbarmherzig verobjektiviert, verzweckt und verwendet. Sie können ihren „Glanz“ nicht von selber aufrecht erhalten, sie brauchen dazu ein „Erbarmen“ im Umgang mit ihnen. Und jemand, der dieses Erbarmen fordert. Ich pflichte bei: „Es geht nicht ganz ohne Gott.“ Das gilt selbst dann noch, wenn es ist, wie es ist, nämlich dass er sich immer weniger, womöglich nie wieder zeigt. Weil man ihm seine Kirche genommen hat.

Geistliche Kommunion

Auch wenn wieder öffentlich Gottesdienst gefeiert wird, ist das Thema „geistliche Kommunion“ längst noch nicht hinfällt. Erstens sind viele Katholiken noch sehr zurückhaltend, was die Gottesdienstfeier unter Corona-Auflagen betrifft. Und zweitens schadet es nicht und passt auch zu Fronleichnam, mal einen Impuls dazu zu bekommen, wie ich den Herrn Jesus, der sich mir in der Eucharistie schenkt, aufnehmen möchte. Hier also ein Gebet zur „Geistlichen Kommunion“, das die deutsch-amerikanische Liturgiewissenschaftlerin Teresa Berger verfasst hat:

Herr Jesus Christus,
du bist das Brot des Lebens und der einzig wahre Weinstock.
Ich glaube, dass du wirklich anwesend bist im heiligsten Sakrament der Eucharistie.
Ich suche dich.
Ich preise dich und bete dich an.
Da ich dich nicht empfangen kann im eucharistischen Brot und Wein,
bete ich, dass du in mein Herz und meine Seele kommst,
damit ich mit dir vereint sein kann
durch deinen allmächtigen und allgegenwärtigen Heiligen Geist.

Lass mich dich empfangen und von dir genährt werden.
Werde für mich das Manna in meiner Wüste,
das Brot der Engel für meine sehr menschliche Reise durch die Zeit,
ein Vorgeschmack auf das himmlische Festmahl
und Trost in der Stunde meines Todes.
Ich erbitte all dies im Vertrauen darauf,
dass du selbst unser Leben, unser Friede und unsere immerwährende Freude bist.
Amen.